Arbeitsgruppe Hörforschung

Über unsere Arbeitsgruppe

Die Arbeitsgruppe Hörforschung gehört zum Klinikum der Justus-Liebig-Universität Giessen und wurde 1993 gegründet. Schwerpunktmäßig befassen wir uns mit den Ursachen, der Verbreitung und der Vermeidung von lärmbedingten Hörschäden.
Unser inter-disziplinäres Team behandelt keine Patienten, wir passen keine Hörgeräte an, wir führen keine Waren-Tests durch und wir versuchen, keine Gutachten erstellen zu müssen.

Unser Ziel ist, dass unsere Ergebnisse am Arbeitsplatz, beim Produktdesign, bei der Normung (z.B. EU-Richtlinien), sowie bei Planungen allgemein eine geeignete Anwendung finden.

Geräusche & Wirkungen

Lärm

Man unterschiedet die Lärmarten zwischen

  1. hörschädigendem
  2. lästigem Lärm.

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lästiger Lärm:

Beim lästigen Lärm spielt nicht der Schall die primäre Rolle, sondern die Botschaft, die er übermittelt. Beispielsweise waren die Silvester-Feiern 1999-2000 überall ohrenbetäubend laut, aber allseits beliebt. Der Lärm des Rasenmähers hingegen ist unvergleichlich leiser, aber äußerst unbeliebt. Die Lautstärke spielt offenkundig nicht die entscheidende Rolle, ob Lärm lästig ist oder nicht.
Lästiger Lärm ist also nicht durch einen akustischen Messwert zu definieren, sondern es handelt sich um Situationen, bei denen der Schall uns eine unbeliebte Botschaft übermittelt. Der Schall sagt uns, dass wir akustischem Abfall ausgesetzt sind ( von Maschinen / rücksichtslosen Menschen ).
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hörschädigender Lärm:

Exzessive Schallbelastung führt zu einer Verschiebung der Hörschwelle. Dies kann entweder vorübergehend sein (Vertäubung) oder permanent (lärmbedingte Schwerhörigkeit).
Lärmschwerhörigkeit ist nicht heilbar.
Die Schädigung des Ohres kann durch drei verschiedenartige Belastungen hervorgerufen werden:

  1. Dauerlärm
  2. Knalle
  3. Explosionen

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Knall

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(Die blaue Linie repräsentiert den in Deutschland altersüblichen Verschleiß.)

Bei Knallen handelt es sich um sich um sehr starke Druckspitzen, die aber relativ kurz sind. Die Druckspitzen dauern normalerweise einen Bruchteil einer Millisekunde.

Laute Knalle führen zum Absterben der Hörzellen im Innenohr und damit zu unheilbaren Hörschäden. Das Mittelohr (Trommelfell, Hammer, Amboss, Steigbügel) wird dabei nicht geschädigt. Am Arbeitsplatz sind Knalle von >140 db(A), gemessen am Ohr des Betroffenen, ohne Gehörschutz, verboten.

Ein einzelner Knall kann das Gehör auf Lebenszeit ruinieren!

Explosion

Im Vergleich zu Knallen zeichnen sich Explosionen durch eine initiale Druckwelle aus, die schlagartig ansteigt, aber nur relativ langsam abfällt. Dies bedeutet, dass im äußeren Gehörgang relativ lange (einige Millisekunden) ein Überdruck herrscht. Wenn die Dynamik der Explosion mit dem Schwingungs-Verhalten des Mittelohres halbwegs übereinstimmt, gerät das Mittelohr in Resonanz, was zu strukturellen Schäden führen kann. Üblicherweise zerreisst das Trommelfell. Darüber hinaus kann es zu Schädigungen des Innenohres und damit zur Lärmschwerhörigkeit kommen.

Die Druckspitzen der Explosionen müssen nicht höher als bei den Knallen sein. Mit anderen Worten: Die Druckspitze eines Knalls kann höher sein als die einer Explosion, ohne das Mittelohr zu schädigen.

Bei strukturellen Schwächen von Druckbehältern (Druck-Kessel, Lastwagenreifen etc.) entstehen Explosionswellen, ebenso wie in der Nähe schwerer Waffen. Für das Ohr ist die häfigste Explosion jedoch eine Ohrfeige, bei welcher der äußere Gehörgang völlig verschlossen wird.

Ruhe

Bei der Ruhe handelt es sich um Gegebenheiten, bei denen der Schall uns die Botschaft zuträgt: Hier ist die Welt sicher, friedlich und in Ordnung. Hier können die Kinder gefahrlos spielen und hier kann man sich stressfrei erholen.

Ruhe, das zeigt das Beispiel mit dem Strand, muss nicht leise sein.

Da Ruhe der Erholung des Menschen vom Stress des Alltags dient, ist es unabdingbar, ein Mindestmaß an Ruhe zu gewähren. Daher ist es unmenschlich, Leute permanent – also pausenlos – zu belärmen. Vor allem im Bereich der Hauptverkehrswege (Autobahnen, Haupt-Bahnlinien, Umgebung großer Flughäfen) spielt dies in Ballungsräumen eine immer wichtigere Rolle.

Stille

Ruhe darf nicht mit Stille verwechselt werden. Bei Stille hört man nichts oder fast nichts und das kann als sehr negativ empfunden werden. Man denke nur an den Begriff „Totenstille“.

Stille erlaubt es dem Menschen zu sich selbst zu finden, ungestört durch ablenkenden Schall. Aber, Stille ist sehr gewöhnungsbrdürftig und daher nicht jedermanns Sache.

Vor allem im Bereich des Umweltschutzes ist es wichtig, nur auf den Erhalt der Ruhe hinzuarbeiten und keineswegs Stille zu fordern.

Tinnitus

Bei Tinnitus (Ohrgeräuschen) handelt es sich um die merkwürdige Situation, dass die Betroffenen Töne bzw. Geräusche hören, die in Wirklichkeit nicht existieren. Dieses Symptom wird offensichtlich durch das Gehirn erzeugt. Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass drei Gruppen von Ursachen der Ohrgeräusche zu unterscheiden sind (siehe Bild).
tinnitus ursachen
Am klarsten sind die Gegebenheiten bei massiven Hörschäden, insbesondere bei Knalltraumata. Nach einem einzigen starken Knall kann der Betroffene jahrelang bwz. lebenslang Ohrgeräusche empfinden. Dies kann auch nach einer Folge von Knallen auftreten.
Bei Problemen im Kopf-Hals-Bereich kann es ebenfalls häufig zu Tinnitus kommen. Eine besondere Bedeutung haben dabei ungünstige Arbeitshaltungen wie längerfristiges arbeiten mit verdrehter Halswirbelsäule und dergleichen.
Starke psychische Belastungen wie der Tod eines Familienangehörigen, der Verlust der gewohnten Lebensumgebung, und ähnliches, kann ebenfalls zu Ohrgeräuschen führen.
Untersuchungen an Kindern haben gezeigt, dass ununterbrochener Tinnitus nach einer Dauer von bis zu drei Jahren wieder abklingen kann.

Folgen

Hörsturz

Beim Hörsturz tritt ein plötzlicher mehr oder weniger starker Hörverlust auf, der nicht zu erklären ist. Fast stets ist nur ein Ohr betroffen. Viele Ursachen werden diskutiert. In den meisten Fällen dürfte es sich um einen Spasmus des einziges Blutgefäßes des Innenohres handeln. Auch Auslösung durch Viren wird vielfach angenommen. Meistens erholt sich das Gehör nach einem Hörsturz mehr oder weniger vollständig, doch in schweren Fällen kann ein Hörsturz zur Ertaubung des betroffenen Ohres führen.

Vertäubung

Wird das Gehör durch starken Schall dauerhaft belastet, reduziert es die Empfindlichkeit. Es stellt sich gewissermaßen schwerhörig, was man als „Schwellen-Abwanderung“ bezeichnet. Kommen beispielsweise junge Leute aus der Disco, hören sie im allgemeinen schlechter als vor dem Disco-Besuch, so dass man von „Vertäubung“ spricht. Üblicherweise wird diese Vertäubung als Vorzeichen bleibender Hörschäden interpretiert; „Vertäubung ist schlecht“ – meinen die Vertreter dieser Auffassung. Sehr vieles spricht jedoch dafür, dass die Vertäubung etwas positives ist. Das Gehör regelt die Empfindlichkeit herunter, um Hörschäden zu vermeiden. Das bedeutet, „Vertäubung ist gut“. Gerade Personen mit einer großen Vertäubung nach einer starken Schallbelastung sind nicht von Hörschäden bedroht. Allerdings spricht vieles dafür, dass Hörzellen, die geschädigt wurden, auch durch eine verminderte Leistungsfähigkeit auffallen, was sich als Vertäubung manifestiert. Es lässt sich also nicht generell sagen, dass Vertäubung ein positives Phänomen ist. Die Tatsache, dass häufige Besucher von Discos keine erhöhten Hörschäden aufweisen, spricht dafür, dass üblicherweise die Schwellen-Abwanderung als positives Merkmal zu werten ist.

Was macht Schwerhörig?

Es gibt drei Sorten von Lärm unter dem Aspekt der Hörgefährdung:

  • Dauerlärm (z.B. Industrielärm, Autobahnlärm, Walkman, Disco, laute Musik)
  • Knalle (z.B. Kinderpistolen, [Silvester-] Böller, Knalle von Handfeuerwaffen)
  • Explosionen (z.B. Sprengstoff-Detonationen, explodierdende Druck-Kessel, explodierende Lastwagen-Reifen)

Anders als bisher angenommen, ist Dauerlärm nicht so hörschädigend wie allgemein angenommen!
Regelmäßige Disco-Besucher und Walkman-Benutzer haben im allgemeinen die gleichen Hörschäden wie diejenigen gleichaltrigen Personen, die keinen Walkman benutzen und nie in die Disco gehen. Ursache dafür ist die offenkundige Fähigkeit des Ohres, bei länger anhaltendem Dauerlärm die Empfindlichkeit des Gehöres herabzusetzen. Das bedeutet, dass die nach dem Discobesuch zu beobachtende Vertäubung (=Schwellen-Abwanderung =TTS) nicht etwa automatisch ein Schritt in Richtung Hörschäden darstellt, sondern – ganz im Gegenteil – die Ausprägung eines Schutzmechanismus des Gehöres darstellt. Solche Ohren sind in der Lage, Hörschäden zu vermeiden, indem sie bei starker dauerhafter Schallbelastung die Empfindlichkeit des Ohres herabsetzen. Solche Effekte treten nicht nur in Discos auf, sondern waren auch nach den Jahrtausend-Feiern zu beobachten.

Die Arbeit der AG Hörforschung hat ergeben, dass insbesondere Knalle eine außerordentliche Bedrohung der Gesundheit des Ohres darstellen. Die Druckspitzen der Knalle sind relativ kurz, meist weit unterhalb einer Millisekunde. Wir sind umgeben von Knallen, wobei uns das häufig nicht bewusst wird. Einige Kinderspielzeuge, z.B. Knallpistolen, belasten das Gehör enorm, wenn sie in Ohrnähe betätigt werden. Dies geschieht sowohl in freundlicher als auch in feindlicher Absicht, wobei beides zu lebenslangen Hörschäden führt. Regelmäßig entsteht dabei auch Tinnitus, der in ungünstigen Fällen – ausgelöst durch einen einzigen Schuss ins Ohr – lebenslang anhalten kann. Hammerschläge, die in der Nähe des Ohres auf Bleche u. dgl. auftreffen, wirken auf das Gehör wie ein Knall. Ähnliches gilt für viele Heimwerker-Geräte sowie für Ohrfeigen. Derartige Knalle führen zu lebenslangen Hörschäden, vor allem im Bereich der hohen Frequenzen.

Explosionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine initiale Druckwelle enthalten, die extrem schnell ansteigt und relativ langsam abklingt. Dadurch wird erkennbar, dass Explosionen relativ lange Zeiten (einige Millisekunden) eines Überdrucks im Gehörgang aufweisen. Wenn dieser Überdruck relativ stark ist und das Mittelohr in Resonanz versetzt wird, kann es zu Verletzungen des Schall-Leitungsapparates kommen, was sich meist duch eine Zerreissung des Trommelfells äußert. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Explosionen das Mittelohr schädigen können, was zusätzlich noch mit Schäden im Innenohr einhergehen kann.

Alles in allem kann man sagen, dass laute Knalle und Explosionen für das Gehör am gefährlichsten sind.

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